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Wasserkrise in Gaza: Überleben auf dem Trockenen

Displaced Palestinians walk through a makeshift camp along the beach in Gaza City, Sunday, Aug. 10, 2025. (AP Photo/Jehad Alshrafi)
Israel Palestinians Gaza
Behelfsmässiges Lager am Strand von Gaza-Stadt.Bild: keystone

Wasserkrise in Gaza: Überleben auf dem Trockenen

Im Schatten von Hunger und Angriffen breitet sich eine weitere, existenzielle Krise in Gaza aus: Es fehlt an Trinkwasser und Kläranlagen. Helfen könnte Israel.
23.08.2025, 18:2123.08.2025, 18:21
Steffi Hentschke / Zeit Online
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Die letzte Karte, die ein Bild der Wasserversorgung im Gazastreifen liefert, stammt vom 22. Oktober 2023. Zwei Wochen zuvor hatte die Hamas Israel überfallen, das in der Folge mit Luftangriffen begann und den Weg freibombte für den bis heute andauernden Einsatz von Bodentruppen. «55 Prozent der Wasserversorgungsinfrastruktur müssen repariert werden», hiess es damals in der Erklärung zu der Karte der UN (PDF), ausserdem: «Alle sechs Abwasseraufbereitungsanlagen sind wegen Treibstoff- und Strommangel ausgefallen. 130'000 Kubikmeter unbehandeltes Abwasser fliessen täglich ins Mittelmeer.»

Heute, knapp zwei Jahre später, ist die Lage noch weit schlimmer. In diesem zweiten Kriegssommer berichten immer mehr Menschen aus Gaza, wie sie händisch versuchen, Trinkwasser zu reinigen. «Unser Süsswasser ist aufgebraucht, wir trinken destilliertes Salzwasser. Tage und Wochen mit Durchfall vergehen ohne Behandlung, weil es in den Apotheken längst keine Medikamente mehr gibt», schrieb dazu kürzlich die 24 Jahre alte Palästinenserin Asmaa Abdu für DIE ZEIT.

Hilfsorganisationen stellen Wassertanks bereit, teilweise werden Pumpen mit Benzin betrieben, aber die reichen nicht für die rund zwei Millionen Menschen in dem fast vollständig zerstörten Gebiet. Gaza ist zu 90 Prozent auf entsalztes Meerwasser angewiesen, genau wie Israel. Zwar gibt es noch Brunnenschächte in dem palästinensischen Küstenstreifen, aber wie auch im Küstenraum in Israel sind die Böden dort versalzt und mit Schadstoffen vergiftet. In den vergangenen Jahrhunderten pumpten die Bauern das Grundwasser in der insgesamt wasserarmen Wüstenregion zu intensiv ab. Die Folge ist so simpel wie einschneidend: Damit Gaza überleben kann, braucht es Strom für Entsalzungs- und Kläranlagen und einen Plan für den Wiederaufbau der Infrastruktur.

«Ich sehe viele Menschen, die es gut meinen und sagen, dass wir gemeinsam Wasser nach Gaza schicken müssen. Aber das löst das Problem nicht», sagt dazu Julie Trottier, Direktorin des Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS), der grössten staatlichen Forschungsorganisation in Frankreich. Als Professorin für Umweltpolitik forscht Trottier zum Zusammenhang zwischen Wasserversorgung und Geopolitik im israelisch-palästinensischen Konflikt und hält fest: «Was Gaza jetzt am dringendsten benötigt, sind Geräte mit Sonnenkollektoren, die das Wasser pumpen und durch Umkehrosmose filtern können.»

Was nach Gaza reindarf, bestimmt Israel. Erst am Freitag veröffentlichte die für die Koordinierung von Hilfslieferungen zuständige israelische Militärbehörde Cogat eine Stellungnahme zum Stand der humanitären Versorgung. «Wasser wird derzeit über Wasserleitungen aus Israel, mit Benzin betriebenen Wasserpumpanlagen und Entsalzungsanlagen bereitgestellt», heisst es darin, und: «Täglich wird Benzin nach Gaza geliefert, um den Betrieb der Wasserpumpanlagen in ganz Gaza und anderer humanitärer Systeme aufrechtzuerhalten. Eine Stromleitung aus Israel versorgt die Entsalzungsanlage in Chan Junis mit Strom und trägt so dazu bei, die Trinkwasserversorgung für Hunderttausende Einwohner sicherzustellen.»

Flickenteppich an Notlösungen

Tatsächlich fliesst von Israel entsalztes Wasser nach Gaza. Wie die Expertin Trottier aber erklärt, sei dies schon vor dem 7. Oktober 2023 nur zehn Prozent der benötigten Menge gewesen. «Gaza musste immer schon mehrere eigene Entsalzungsanlagen betreiben, aber das Pumpen von Wasser erfordert sehr viel Strom. Was den Zugang zu Wasser deshalb völlig lahmlegte, war die Tatsache, dass Israel nach Kriegsbeginn die Stromversorgung nach Gaza unterbrach. Denn der Grossteil des in Gaza verbrauchten Stroms wird in Israel produziert.»

Strom und Wasser fliessen also in geringem Ausmass. Und insgesamt könnte man Angaben über Lieferungen hier, Reparaturen dort zusammennehmen und käme doch nur bei einem Flickenteppich an Notlösungen für ein grundsätzliches Problem heraus. Von der Wasserversorgung hängt die Existenz einer Gesellschaft ab, Menschen müssen trinken, Felder versorgt, Abwasser gereinigt werden. Und abgesehen davon, dass Israel laut der Expertin Trottier nicht genug Solarpanels für die Wasseraufbereitung nach Gaza lässt: Es fehlt an einer eigenen Ordnungsmacht, die die Reparatur und den Betrieb der entsprechenden Anlagen übernehmen könnte.

Wie aus der UN-Karte über die Wasserversorgung aus dem Oktober 2023 hervorgeht, versorgten vor Kriegsausbruch drei Entsalzungsanlagen und sechs Kläranlagen Gaza. Sie alle wurden nicht von der Hamas betrieben, sondern fielen in den Zuständigkeitsbereich der Wasserbehörde der palästinensischen Autonomiebehörde (PA) mit Sitz in Ramallah im besetzten Westjordanland. «Die Betreibung der Anlagen ist teuer, und die Geldgeber dafür unterstützten nur die PA finanziell, nie die Hamas», sagt Trottier. Der Grund: Die Hamas ist seit Jahrzehnten von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft.

Um die Menschen in Gaza zu versorgen, brauchte es also die Zusammenarbeit mit der PA, die Israel auch entsalztes Trinkwasser für das besetzte Westjordanland abkauft. Und nach den Vorstellungen von Experten, aber auch etwa der deutschen Bundesregierung, könnte die PA künftig die Ordnungsmacht in Gaza übernehmen. An diesem Punkt allerdings zeigt sich, dass die Situation in Gaza nicht nur eine humanitäre Notlage ist, die in die Verantwortung der israelischen Armee oder Cogat fällt ‒ sondern ein politisch gewolltes Problem: Erst vergangene Woche bekräftigte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seinen Widerstand gegen die PA als neue Macht in Gaza. Die PA würde das «gleiche Ziel wie die Hamas verfolgen, Israel zu zerstören», sagte Netanjahu in einer seiner seltenen Pressekonferenzen.

Netanjahu setzt laut Beobachtern stattdessen auf die arabischen und Golf-Staaten. Seit Ende Juli sollen die Vereinigten Arabischen Emirate den Bau einer Wasserleitung von einer Entsalzungsanlage in Ägypten nach Gaza finanzieren, kündigte Cogat kürzlich an. Demnach soll die Leitung bis zum Küstendorf Al-Mawasi im Süden reichen, wohin aktuell Hunderttausende Palästinenser vertrieben wurden. Aber unabhängig davon, dass der Bau dauert und damit wieder nur ein paar Hunderttausend Menschen versorgt werden können: Der Standort der neuen Leitung gibt einen Hinweis darauf, für welche Gegenden in Gaza überhaupt noch Vorbereitungen für eine langfristige Wasserversorgung der Palästinenser laufen. 

Abwasser mit Bumerang-Effekt

«Wir müssen beobachten, wo genau in den nächsten Monaten wie viele Leitungen repariert, wo welche neuen Anlagen geplant werden», sagt die Expertin Julie Trottier. Über Infrastrukturprojekte wird erkennbar, wo für wie viele Palästinenser eine Zukunft in Gaza geplant wird. Wann und wie viel von Gaza wieder aufgebaut wird, ist angesichts Israels neu angekündigter Offensive auf Gaza-Stadt zwar eine abstrakte Zukunftsfrage. Die Folgen des Nichtaufbaus, der anhaltenden Notlösungen, sind aber konkret, vor allem für Gaza – und genauso für Israel. «Wasser wandert und hält sich nicht an Grenzen oder Linien, denn im israelisch-palästinensischen Konflikt haben wir es ja völkerrechtlich nicht mit Grenzen zu tun», sagt Trottier, rümpft die Nase, um auf das Problem des Abwassers hinzuweisen.

Jetzt auf

Sehr präzise beschreibt der Palästinenser Naim Al-Khatib die Abwassersituation in seinem Kurzessay On war and shit von 2024, erschienen in dem Sammelband Daybreak in Gaza: «Unter Raketenangriffen, dem Zischen der Kugeln und dem bebenden Gebäude ergab sich die Zusammenfassung unserer Existenz in zwei miteinander zusammenhängenden Themen: die Angst vor dem Tod und das Bedürfnis, auf die Toilette zu gehen.» Wie Al-Khatib erzählt, können die Menschen angesichts ständiger Angriffe nicht immer sicher zu Toiletten gelangen, müssen oft in den Räumen verharren, in denen sie sich verstecken. So sei er zum «Scheiss-Ingenieur» in dem Haus in Gaza-Stadt geworden, in dem seine Familie und andere Zuflucht gefunden hätten. Seine Lösung: Eimer in der Küche und den Schlafzimmern. 

Man kann diese Erzählung nehmen, den Weg der Eimer-Inhalte weiterverfolgen, durch die Böden Gazas, durch die das Wasser zum Meer gelangt. «Wenn wir über das Wasserproblem in Gaza reden, müssen wir auch über Bumerang-Effekte reden», sagt Julie Trottier dazu. «Es ist kein Geheimnis, dass Wasser von Süden nach Norden fliesst. Das heisst: Das schmutzige Abwasser, das am Morgen in Gaza ins Meer fliesst, ist abends am Strand von Aschkelon in Israel.»

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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114 Kommentare
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Emil Eugster
23.08.2025 20:42registriert April 2024
Es ist ein ebenso grosses Verbrechen, dass die internationalen Regierung aus diplomatischen und wirtschaftlichen Kalkulationen schlicht nichts gegen die Verbrechen tun, die in Gaza, dem Westjordanland aber auch der Ukraine, dem Sudan und den vielen andern Krisenorten nichts unternehmen.

Unsere Regierungen hätten alle Möglichkeiten das Leid sofort zu beenden.
Sie ziehen es aber vor nichts zu tun und einfach zuzuschauen (wenn sie nicht sogar dabei aktiv mithelfen).
Wir brauchen neue Regierungen.
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bitzliz'alt
23.08.2025 21:09registriert Dezember 2020
Mir sind alle Haare zu Berge gestanden, als ich die "UN-Wasserkarte" zu lesen versuchte ... nicht nur, dass ohne Krieg über 2 Mio Einw. NICHT mit Wasser vrsorgt werden können: Zusammen mit dem Krieg sind irreversible Vorgänge in Bewegung geraten, die Jahrzehnte Folgen haben werden. Es wird wohl nur durch neue, grosse Entsalzungsanlagen zu bewältigen sein (dazu braucht es 1. Frieden und 2. Geld & Spezialisten und 3. Wochen, eher Monate um dies zu bauen & in Betrieb zu nehmen.
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jreg@gmx.ch
23.08.2025 19:56registriert April 2022
Es ist unerklärlichen für mich, warum die Israelische Arme nicht aktiv für eine gute Versorgung der Palästinensischen Bevölkerung sorgt. Das währe überhaupt kein Problem. Auf diese Weise könnte sich die Armee bei manchen Palästinenser als "die Guten" präsentieren und die Spirale des Hasses könnte abgemildert werden. Aber ich glaube, genau das will der rechtsextreme Teil der Regierung gar nicht.
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